Was heißt hier "Selbstliebe"?

Seit einiger Zeit - so kommt es mir jedenfalls vor - ist überall von Selbstliebe die Rede. Ich kann die Brisanz dieses Themas nur bestätigen. Zumindest, was mich betrifft. Denn ich habe mir dieses Thema in den vergangenen Monaten zur Lebensaufgabe gemacht. Für mich selbst. Und als Coach und Mentorin für andere.

 

Vielleicht fragst du dich, was mich zu einer Expertin in Sachen Selbstliebe macht? Die Tatsache, dass ich einen Kurs als „Selbstliebe-Trainerin“ absolviert habe, ist es jedenfalls nicht. Es ist vielmehr der Punkt, von dem ich komme. Denn wenn ich einmal eine wahre Expertin war, dann auf dem Gebiet von Selbstkritik, Selbstzweifel und der permanenten Suche nach Bestätigung von außen. Und weil ich so genau weiß, wie sich das Gegenteil von Selbstliebe anfühlt, spüre ich so deutlich und roh und lebendig, wie jeder Schritt in Richtung Selbstliebe ein Schritt näher in meine Kraft und zu mir selbst ist.


Es geht um Leben oder Tod


Das ist eine krasse Aussage. Aber genau so meine ich es. Denn Selbstliebe ist krass, kompromisslos. Sie muss es sein. Wenn du dich FÜR dich entscheidest, dann hat das Auswirkungen auf alle Bereiche deines Lebens. Du wirst dich von Menschen trennen. Und Menschen werden sich von dir trennen. Du wirst Dinge loslassen. Und andere werden zu dir finden. Vielleicht werden manche Bindungen neu definiert. Und andere werden aufgelöst.

 

Es geht um dein Leben. Um mein Leben. Darum, unseren Wert und unsere Kraft in der Zeit, die wir auf dieser Erde verbringen, anzuerkennen und uns dafür zu entscheiden.

 

Es kann sein, dass dich diese Statements auf eine Art herausfordern und du dir denkst, dass der "Anspruch" auf Selbstliebe anmaßend ist. Selbstverliebt. Unmoralisch. Ein "Luxusproblem". Wenn das so ist, dann lass' dir gesagt sein: Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mir ging es noch vor nicht allzu langer Zeit ähnlich. Passt doch das Konzept davon, mich selbst in den Mittelpunkt meines Universums zu stellen, so gar nicht zu dem Ideal eines höflichen, zurückhaltenden Mädchens, bzw. einer sich aufopfernden Ehefrau und Mutter, die sich über die Bedürfniserfüllung ihrer Angehörigen und Mitmenschen definiert und sich dabei selbst auflöst.

Bis ich eines verstanden habe: Bei der Selbstliebe geht es nicht darum, einen zerstörerischen Egotrip auf Kosten deiner Mitmenschen und dieser Erde durchzuziehen. Im Gegenteil. Es ist im Prinzip unendlich simpel: "Zieh' dir selbst zuallererst die Sauerstoffmaske über. Und wenn du wieder atmen kannst, dann kümmere dich um die anderen." Punkt.

 

Ein Mensch, der im Einklang mit sich selbst lebt, ist ein Segen für sich, seine Mitmenschen und den gesamten Planeten. Oder umgekehrt betrachtet: Was kann ein Mensch, der sich selbst verachtet und permanent infrage stellt wohl Nährendes und Leben-stiftendes auf diese Welt bringen? Genau: Nichts.


Wie kann praktizierte Selbstliebe aussehen?


Wie kann praktizierte Selbstliebe nun also aussehen? Du ahnst es bereits... Dich mit einer Packung Chips auf's Sofa zu setzen und es dir "einfach" gut gehen zu lassen, trifft es nicht ganz. Zumindest nicht in meiner Definition. Denn wenn der Weg in die Selbstliebe etwas NICHT ist, dann ein watteweich-glitzerndes-angenehm-entspannendes-Blingbling-Konzept, das jeder und jedem erlaubt, es sich in ihrer oder seiner Komfortzone noch etwas gemütlicher zu machen.

Denn bevor es leicht(er) wird, führt uns der Weg in die Selbstliebe oftmals zunächst in die entgegengesetzte Richtung: in unsere tiefste Schattenwelt. Dahin, wo all das weg-gesperrt ist, was vermeintlich nicht in unser idealisiertes Selbstbild passt. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass das, was wir in unserem persönlichen Keller vorfinden, unangenehm und schmerzhaft ist. Ich fand zum Beispiel unendliche Mengen an unterdrückter Wut. Aber ich fand auch Augen-Öffner und lange vergessene Sehnsüchte und Träume.

 

Wenn wir die Taschenlampe in die Hand nehmen und mutig genug sind, auch in den hintersten Winkel des Kellers zu blicken, dann können wir beobachten, wie ein immer deutlicheres und komplexeres Bild unseres Selbst zum Vorschein kommt. Vielleicht ist es am Anfang noch nicht ganz klar umrissen. Das muss es auch gar nicht sein. Aber das, was wir entdecken, ist so etwas wie ein "Geschmack" davon, wer wir wirklich sind. Und was wir brauchen, um uns in uns und unserem Leben Zuhause zu fühlen.

 

Was ich für mich im Verlauf dieses Prozesses gelernt habe? Dass es nicht darum geht, rosaroten Feenstaub über das zu streuen, was vorher schon scheiße war. Das tun wir alle permanent und exzessiv. Wir wollen nicht hinsehen. Wir lenken uns ab. Wir betäuben uns und unsere Emotionen. Wir erzählen uns selbst Geschichten über "hätte, könnte, wäre, die anderen, die Kindheit, usw usf"...

 

Das sind alles nur Ausreden und Ausweichmaneuver. Wenn es uns wirklich ernst ist mit der Selbstliebe, dann müssen wir als erstes damit aufhören, uns selbst etwas vorzumachen.


Hör' damit auf, dich selbst zu ver*schen!


Was bedeutet das? Für mich heißt das:

Verantwortung übernehmen.

Verantwortung zurück-holen.

Selbstermächtigung trainieren.

Genau hinsehen.

Mich selbst wirklich kennen lernen.

Mich selbst wieder spüren lernen – und das auch auszuhalten.

Mich selbst ernst nehmen.

Meine Empfindungen und Träume ernst nehmen. Und daraus Konsequenzen ziehen.

Mich permanent fragen: Was will ich vermehren in meinem Leben? Was soll weniger werden? Was berührt mein Herz? Was schwächt mich? Bei welchen Tätigkeiten bin ich im Flow? Was raubt mir Energie? Wer soll bleiben? Wer darf gehen? Wie will ich leben? Welche Facetten meines Temperaments und meiner Persönlichkeit wollen von mir aus der Verbannung befreit werden? Wonach sehnt sich mein Herz? Wonach sehnt sich mein Körper? 

 

Und: Erlaube ich es mir überhaupt, mich nach diesen Dingen zu sehnen?

 

Insofern bedeutet Selbstliebe für mich die Entscheidung, einen Weg einzuschlagen, der mich Tag für Tag, Frage für Frage, Übung für Übung und Krise für Krise ein Stück näher zu mir selbst führt. Und mir gleichzeitig erlaubt, mich so, wie ich heute bin, liebevoll und respektvoll anzunehmen.

 

Wer mich kennt und bereits mit mir gearbeitet hat, weiß, dass ich mich nicht erst seit gestern mit diesen Themen auseinandersetze, und dass ich im Verlauf meines Lebens und meiner Entwicklung nicht nur einige Höhen und Tiefen durchlebt habe, sondern mindestens ebenso viele Lösungen und Ansätze ausprobiert habe, um wieder aufzustehen und mich selbst dabei immer besser kennenzulernen. Meine Beschäftigung mit Spiritualität, Meditation, dem Thema Selbstliebe und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Dimension, heute als Frau auf dieser Erde zu leben, fließen in meine Arbeit als Coach selbstverständlich mit ein.

 

Was meine Beziehung zu mir selbst allerdings ebenso radikal wie nachhaltig verändert hat, ist das Thema EMBODIMENT! Was mir vorher auf rationaler Ebene alles klar und eindeutig erschien, sich aber stets in einer Art „Bubble“ über meinem Kopf befand, jedoch nicht wirklich in mir gelandet ist, findet über den Embodiment-Ansatz endlich ein Zuhause in mir und wird „echt“, im Sinne von „real gefühlt, durchfühlt und gelebt“. Dass sich dieser Prozess nicht nur sanft und süß vollzieht, finde ich gleichermaßen erfreulich wie „anstrengend“. Denn ein Paradigmenwechsel geht nicht ohne Kollateralschäden von statten. Und was wir dabei nicht vergessen dürfen: Du - wir alle -  stehen in diesem Prozess nicht nur unserem eigenen Selbstbild gegenüber, sondern wir kämpfen dabei gegen ein ganzes System, das uns seit Jahrtausenden im Griff hat. In unserer hyper-rationalisierten Welt, in der das Denken stets über dem Fühlen steht; in der wir nicht nur unseren Planeten, sondern auch unsere Körper ausbeuten, um immer noch mehr Kapital zu erschaffen und Wohlstand zu generieren; in der wir immer effizienter funktionieren sollen, um "gute, kleine Arbeitsbienen" zu sein; in der wir bereits sehr früh in unserem Leben gelernt haben, was zählt (der Verstand) und was wir besser außen vor lassen, wenn wir erfolgreich sein wollen (unsere Körper und Gefühle). In einer solchen Welt ist es ein radikaler und revolutionäre Akt, sich selbst zu respektieren und zu lieben. Besonders als Frau! Denn wenn wir etwas mit der Muttermilch aufgesogen haben in unserer Kultur, dann ist das die systematische Abwertung weiblicher Attribute.

 

Aber es lohnt sich. Denn das, was hinter all der Anstrengung liegt, ist es so was von wert!